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Rezension von Dr. Jörg Meiner, Schwerin

Maren-Sophie Fünderich

Wohnen im Kaiserreich. Einrichtungsstil und Möbeldesign im Kontext bürgerlicher Selbstrepräsentation

Berlin/Boston 2019 (De Gruyter)

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Grundsätzlich gehören in der deutschen Universitätslandschaft Promotionen, die sich kunsthandwerklichen, speziell noch Fragen der Kunst- und Sozialgeschichte des Mobiliars widmen, immer noch zu den Seltenheiten. Das ist besonders deshalb schade, weil in der Analyse dieser Objekte der angewandten Kunst und des Designs und insbesondere dann, wenn sie zusammen mit ihren ursprünglichen Aufstellungs- und Nutzungskontexten bewertet werden, großes Erkenntnispotential für alle Bereiche der Forschung zur Gesellschaftsgeschichte steckt. Und das gilt ganz besonders für das 19. Jahrhundert, dessen Benjamin‘sche Charakterisierung als „wohnsüchtig“ darauf verweist, welche enorm gesteigerte Bedeutung der bewohnte, bis an seine Grenzen ausmöblierte Innenraum für das Individuum und seine soziale Stellung nunmehr in allen Bereichen einer zunehmend bürgerlich geprägten, wenngleich sich zumeist an den überkommenen Geschmackstraditionen der Aristokratie orientierenden Gesellschaft gewonnen hatte.

Auch der hier in Rede stehende Band, der 2018 am Historischen Seminar der Goethe Universität Frankfurt am Main als Dissertation eingereicht und nunmehr u.a. mit Hilfe von mobile e.V. gedruckt wurde, steckt bereits im Titel die interpretationsauffordernde Verbindung ab, die einerseits zwischen der Gestaltung, dem Gebrauch und der Verbreitung von Mobiliar und andererseits der sie beherbergenden Innenraumgestalt und deren Initiatoren bestand. Die Zeitspanne und der politische Raum der Untersuchung ist das deutsche „Kaiserreich“, wobei anfänglich nicht ganz klar wird, welcher Abschnitt hier gemeint ist: die Jahre ab 1871 oder eben doch im Kern erst die Zeit nach dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. im Jahr 1888. Aus dieser etwas vagen Angabe ergeben sich vielleicht einige Unschärfen in der Einleitung, denn in den 1870er und 1880er Jahren etwa kann kaum die Rede davon sein, dass der Historismus im Möbelbau (wie generell in der angewandten Kunst) grundsätzlich in Frage gestellt wurde (S. 15) – es kam lediglich auf die gleichsam richtige Verwendung der historischen Stilelemente an. Hieran entzündeten sich die vehement ausgetragenen Kontroversen, die die enorme Bedeutung und soziale wie politische Aufladung der Diskussion um den richtigen „Geschmack“, der im Wald der historischen Stilbezüge zu finden war, unter den Zeitgenossen belegen. Die Fragestellungen, die Fünderich in ihrer Untersuchung aufwirft, nämlich die nach den semantischen Verflechtungen zwischen bürgerlichen Konsumenten, Entwerfern, Theoretikern und Herstellern von jenem Mobiliar, das nicht nur reiner Gebrauchsgegenstand war, sind daher mehr als eine akademische Übung, sondern gehen Phänomenen nach, die in aller Deutlichkeit soziale Prozesse ihrer Zeit spiegeln. Und dies lässt sich tatsächlich in der sich politisch, wirtschaftlich und technisch rasant verändernden Epoche seit der nationalen Einigung 1871 und noch besser im deutschen Kaiserreich seit dem Regierungsantritt Wilhelms II. sehr gut und wohl auch eindringlicher beobachten, als in früheren Zeiten. Gleichwohl ist die Grundannahme, dass für den „Bürger“ das „Wohnen eine symbolische Welt“ (S. 53f.) war, keine Folge einer erst jetzt einsetzenden „Selbstrepräsentation“ dieses Bürgers, sondern eine der spätestens seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts sich immer weiter ausdifferenzierenden Wohn- und Ausstattungsstruktur des in sich natürlich äußerst heterogenen Bürgertums. Dessen Strategien in der Wohn- und damit Repräsentationsauffassung waren in verschiedenen Nachahmungsgraden am Vorbild des Adels orientiert, auch wenn die bürgerliche Selbstreflektion hier gern eine „Abgrenzung“ v.a. gegenüber den traditionellen Eliten erkennen wollte (S. 54). Entscheidend dürfte sein, dass die Anzahl der Bürger, die finanziell gesehen nicht nur die Möglichkeit hatten, sondern auch die Verpflichtung sahen, mit Wohnen und Mobiliar ihre soziale Stellung zu vermitteln, seit dem wirtschaftlichen Aufschwung des Kaiserreichs am Ende des 19. Jahrhunderts enorm zugenommen hatte – das war gleichsam die Voraussetzung für die „Wohnsucht“ im Sinne Walter Benjamins.

Konzise ist der Überblick, den Fünderich über die erzieherischen Schriften von Fachleuten zur Einrichtungskultur gibt, ausgehend von den einflussreichen Schriften des Wieners Jacob Falke (auch wenn er nicht der erste war, der „Einrichtungsratgeber“ geschrieben hat, man denke etwa an die sog. Hausväterliteratur und spez. Mangers „Entwürfe und Kostenberechnungen zur Meublirung“ von 1783) bis hin zu Hirth (dem entschiedenen Gegner des „Geschmackmischmasch“) und Gurlitt. Fünderichs Text behandelt zudem die äußeren Bedingungen einer gesteigerten Produktion von Mobiliar, die der Marktnachfrage der bürgerlichen Mittelschicht auf traditioneller, handwerklicher Basis nicht mehr gewachsen war und daher die maschinelle Fertigung mehr und mehr die Oberhand gewann – und damit die Qualität, zumindest in den Augen der Theoretiker und Kunstgewerbler, sank und zu einer allseits angeprangerten „Krisis des Handwerks“ führte. Anhand einer ganzen Reihe von Beispielen aus der Region Ostwestfalen-Lippe und Hessen geht die Autorin den sich mitunter ähnelnden Produktions- und Absatzstrategien der Möbelfabriken im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach bis hin zu den sog. „Hausindustriellen“, die im Frankfurter Umland im Nebenerwerb Kleinmöbel im Direktvertrieb für die Möbelgeschäfte der Stadt fertigten.

Ausführlich widmet sich die Autorin den seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wichtiger und größer werdenden Kaufhäusern in den Städten, deren umfassendes Angebot die komplette Wohnungseinrichtung (mitunter bis hin zu Antiquitäten) aus einer Hand ermöglichte, nachdem die Käufer sich im Vorfeld sowohl beraten als auch von der Ausstellung kompletter Zimmer in verschiedensten Stilen inspirieren lassen konnten. Nicht nur das breite und zumeist preiswerte Angebot wurde hier zum Magneten, sondern vor allem die als Pilgerort aufgesuchte Kaufhausarchitektur selbst – etwa Messels 1906 eröffnetes spektakuläres Wertheim in Berlin, das sogar der Kaiser 1910 besuchte und damit gesellschaftsfähig machte.

Auch dem sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer weiter ausdifferenzierenden Ausstellungswesen widmet sich der Band, gleichwohl in der postulierten Vormachtstellung der Reformstile seit 1900 ein wenig zu sehr auf das Bild, das Fachzeitschriften vermitteln, Wert gelegt wird. Das breite Angebot 1900 auf der Pariser Weltausstellung war immer noch historistisch geprägt, wenngleich auch mit der Absicht, in den alten Formen und edlen Techniken und Materialien einen eigenen Weg in die Moderne zu finden. Und das Publikum dürfte mehrheitlich kaum den Reformern zugeneigt gewesen sein, trotz der zahlreichen Ausstellungen reformorientierter Gruppen wie etwa in Darmstadt. Schaut man sich die Wohnungen des gehobenen Bürgertums, von Schauspielern oder Künstlern an, die etwa in den Illustrierten der Jahre nach der Hochzeit der Reform um 1900/1905 vorgestellt werden, sieht man dort kaum das, was unter Moderne verstanden wird – traditionslose Schlichtheit ohne Ornament – , sondern Historismus in den Spielarten des Louis XVI, Biedermeier und Klassizismus, Möbel im sog. Queen-Anne-Stil, Antiquitäten des 18. Jahrhunderts, nach Bedarf auch Rückgriffe auf die italienische Renaissance oder Exotismen. „Der „immerwährende Historismus“, den Georg Himmelheber als Konstante der Stilentwicklungen seit dem 19. Jahrhundert identifiziert hat, hielt sich offenbar weitaus lebendiger, als sich das in der Rückschau der Forschung darstellt. Auf der anderen Seite war es wohl gerade das Neubiedermeier, das für viele später berühmte Entwerfer den Weg in die radikale Moderne der 1920er Jahre bereitet hat. Auch wenn die Schlichtheit des frühen 19. Jahrhunderts, wie Fünderich im Rückgriff auf Ottomeyer richtig schreibt, keine Erfindung des Bürgertums war, sondern eine des Adels, die aber um 1900 als eine des Bürgertums hingestellt wurde – was wirklich eine frappierende Umdeutung mit klarer Gewichtungsbestrebung war.

Auf dieser Basis einer gedacht bürgerlichen Tradition der Schlichtheit entstand dann auch das, was insbesondere die Werkstätten für Handwerkskunst in Dresden-Hellerau als zeitgemäße, maschinell hergestellte Möbel anpriesen und damit Erfolg hatten. Fünderich widmet sich ausführlich der später mit den Werkstätten für Kunst und Handwerk in München fusionierten Firma, die sich mit wichtigen Gewährsmännern wie Hermann Muthesius auch ideelle Unterstützung für ihre soziale „Mission“ als auch für ihre Verkaufsstrategie sicherten. Auch mit diesen Möbeln konnten, auch wenn sie aufgrund ihrer Preise nicht für den breiten Markt verfügbar gewesen sein dürften, die Käufer ihre soziale Stellung, aber auch eine gewissermaßen progressive Grundhaltung an den Tag legen (S. 374).

Das Resümee des Buches fokussiert noch einmal die zentralen Themen und Erkenntnisse der Arbeit, sie seien hier kurz referiert. Das Wohnen und Möblieren der eigenen Behausung war für den bürgerlichen Mittelstand essentiell in Bezug auf die Visualisierung der erreichten sozialen Stellung; Wohnungsort, Anzahl der Zimmer und Art der Ausstattung waren Gradmesser des erreichten Status und sie konnten je nach Bedarf auch changieren. Die Verfügbarkeit von aussagekräftigen Versatzstücken bürgerlichen Ausstattungsniveaus in der Breite war, so Fünderich, entscheidend an modernisierte Herstellungsprozesse gebunden, also an die preiswertere Fertigung von Mobiliar mit modernen Holzbearbeitungsmaschinen. Das forcierte auch den Trend zur „Möbelfabrik“, die schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neben den kleineren Werkstätten anfingen, den Markt zu besetzen. Die Erhöhung der Produktionskapazitäten hatte auch ein vielfältigeres Angebot zur Folge, aus dem die bürgerlichen Kunden wählen konnten und somit auch besser und schneller auf individuelle Bedürfnisse und Notwendigkeiten reagieren konnten. Qualität und Solidität konnten wohl vielfach nicht mithalten, was zur generellen Kritik an der Fabrikware führte, die erst in den Jahren um 1910 mit den Erzeugnissen etwa aus Dresden bzw. München abflaute. Fraglich ist vielleicht Fünderichs Darstellung der Stilentwicklung als lineare Entwicklung vom äußerst vielgestaltigen Historismus der Jahre bis etwa 1900 hin zu einem als vorherrschend bezeichneten Stil der einfachen Form in den Jahren danach. Nicht umsonst suchte man vielfach gerade zeitgleich mit dem Jugendstil und um 1905/10 in den schlichten Formen der Zeit um 1800 das Heil einer modernen Möbel- und Raumgestaltung – Historismus blieb das aber trotzdem. Mit dem dürfte erst die jüngste Zeit weitgehend aufgeräumt haben, gleichwohl die von den Theoretikern viel geschmähten Rückgriffe in die Vergangenheit virulent bleiben. Nicht zuletzt dort, wohin sich die breite Masse seit jeher orientiert hat: im gehobenen Bürgertum oder – zumindest bis 1918 – beim Adel. Und da ist es ganz egal, auf welchem Kontinent man sich befindet, die französischen Königsstile des 18. Jahrhunderts besetzen nach wie vor das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen mit erheblichem Vermögen von niveauvollem Wohnen, dafür muss man nur einen Blick auf das abstruse Bett im Rokokoverschnitt des erschossenen libanesischen Diktators Gaddafi werfen, dessen verwüstetes Schlafzimmer 2011 als Pressebild um die Welt ging.

Der mit großer Akkuratesse und Detailreichtum erarbeiteten Studie Fünderichs gebührt das Verdienst, den Blick auf die Möbelherstellung im deutschen Kaiserreich mit den vielfältigen Bedingungen von Markt, Kundschaft, Wirtschaftskraft, Stilkritik und dem Streben nach der Veräußerlichung des sozialen Status verflochten zu haben. Dafür bietet das Buch mitunter mehr Material, als der Leser konsumieren kann. Darin liegt vielleicht ein wenig die Crux beim Studium des Buches. Für den Druck hätte die stark untergliederte Dissertation doch etwas gestrafft und pointiert werden können. Misslich ist auch der Umstand, dass den Abbildungsunterschriften fast durchgängig eine einordnende Jahreszahl fehlt, aber immer ein mitunter sehr langer Bildnachweis anhaftet. Das mag bei Entnahmen der Vorlagen aus historischen Zeitschriften noch angehen, aber eine URL gehört hier nicht her. Doch solche Kleinigkeiten sind nur ein wenig mühsam im Gebrauch und mindern den hohen Erkenntniswert der Studie keineswegs.

Jörg Meiner, 2021